{"id":283,"date":"2007-10-31T12:36:00","date_gmt":"2007-10-31T10:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/alaskagirl.de\/wordpress\/wenn-die-kleinen-gros-werden\/"},"modified":"2007-10-31T12:36:00","modified_gmt":"2007-10-31T10:36:00","slug":"wenn-die-kleinen-gros-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alaskagirl.de\/wordpress\/wenn-die-kleinen-gros-werden\/","title":{"rendered":"Wenn die Kleinen gro\u00df werden&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Es war einmal ein junger Mann, der ein Buch las und davon inspiriert wurde einen Fahrradkurierdienst zu gr\u00fcnden. Dieser Kurierdienst lief gut und wuchs. Die Fahrradkuriere konnte man als idealistische Freaks bezeichnen. Die Firma war klein und famili\u00e4r. Es gab eine Werkstatt, wo man an seinem Fahrrad schrauben konnte, im Notfall sogar professionelle Hilfe durch Fahrradmechaniker, es gab Kaffee, Milch, Haferflocken, Sprudel und Brausetabletten, einen Aufenthaltsraum mit Sofa und Fernseher und eine K\u00fcche mit Nudeln und Tomatenso\u00dfe. Irgendwann fiel den idealistischen Freaks dann ein, dass es doch ganz nett w\u00e4re, den Kunden eine neue Dienstleistung anzubieten, n\u00e4mlich die Versendung von Briefen innerhalb des Stadtgebietes \u00fcber den Fahrradkurier. Die Leistung sollte billiger als bei der Post sein und die Zustellung taggleich. Und so kam es. Da ich nach dem ersten Semester auf der Suche nach einem Job f\u00fcr die Ferien war, und einer meiner Freunde als Kurier fuhr, wurde ich als Zustellerin eingestellt. Alles unkompliziert, kein Vertrag, Arbeitszeiten nach Absprache. Zu diesem Zeitpunkt wurden \u00fcber die Firma  jeden Tag etwa 2500 Briefe verschickt. Die Touren waren lang, die Briefdichte gering und die Arbeit machte Spa\u00df. Als etwa ein Jahr sp\u00e4ter die Anzahl der zu versendenden Briefe angestiegen war, war eine taggleiche Verarbeitung und Zustellung der Briefe nicht mehr m\u00f6glich und es wurde auf die sogenannte Overnight-Zustellung umgestellt. F\u00fcr mich als Studentin war das erstmal schlecht, da die Briefe nun vormittags w\u00e4hrend meiner Vorlesungen zugestellt werden sollten. Also wurde ich nun auch eingesetzt um nachmittags Briefe bei Kunden abzuholen und Briefe zu sortieren. Man kann kaum glauben, wie schnell man das Gehirn nicht mehr braucht um Briefe nach Postleitzahlen zu sortieren. Also konnte man das Gehirn benutzen um sich mit den Mitsortierenden zu unterhalten. Es war Sommer und es war die beste Zeit. Man sa\u00df abends noch zusammen auf der Treppe, trank mal ein Bier, lernte Menschen kennen, die man sonst nie kennengelernt h\u00e4tte. Wir waren eine Familie geworden. Aber die Firma wuchs und es wurden viele neue eingestellt. Es musste die schmerzliche Erfahrung gemacht werden, dass man nicht jedem vertrauen kann. Arbeit wurde strenger kontrolliert, Mitarbeiter misstrauisch beobachtet. Irgendwann rechnete jemand f\u00fcr viel Geld aus, dass Nudeln und So\u00dfe zu teuer seien und so wurde das abgeschafft. Irgendwann wurde die Werkstatt abgeschlossen, weil zu viel geklaut wurde. Die kleine Firma war langsam zu einer gro\u00dfen geworden. Je anonymer alles wurde umso gr\u00f6\u00dfer wurde der Unmut \u00fcber schlechte Bezahlung und erste Familienmitglieder blieben auf der Strecke. Doch die Firma wuchs weiter. Kooperationen mit anderen Briefdienstleistern wurden eingegangen. Die Belegschaft wechselte und \u00e4nderte sich. Man arbeitete nun f\u00fcr Geld und nicht mehr f\u00fcr die Firma. Nach einigen Jahren war die Firma gro\u00df geworden und somit auch Geld wert. Der junge Mann, der einst das Buch gelesen hatte, nahm schlie\u00dflich ein \u00dcbernahmeangebot eines Kooperationspartners an, der kurz darauf vom n\u00e4chstgr\u00f6\u00dferen geschluckt wurde. Es wurde umstrukturiert, Kaffee, Milch und Haferflocken abgeschafft und langj\u00e4hrigen Mitarbeitern wurde gek\u00fcndigt. Die Stimmung war schlecht geworden und viele waren froh, rechtzeitig den Absprung geschafft zu haben.<br \/>Das Ende der Geschichte: Der junge Mann mit dem Buch und der Vision ist nicht l\u00e4nger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer seines Lebenstraums. Er wurde wegrationalisiert.<\/p>\n<p>Sowas passiert, wenn die Kleinen gro\u00df werden.<br \/>Es lebe das Geld und der Kapitalismus!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein junger Mann, der ein Buch las und davon inspiriert wurde einen Fahrradkurierdienst zu gr\u00fcnden. Dieser Kurierdienst lief gut und wuchs. Die Fahrradkuriere konnte man als idealistische Freaks bezeichnen. 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