{"id":1649,"date":"2010-12-01T10:36:32","date_gmt":"2010-12-01T09:36:32","guid":{"rendered":"http:\/\/alaskagirl.de\/wordpress\/?p=1649"},"modified":"2010-12-01T10:37:06","modified_gmt":"2010-12-01T09:37:06","slug":"so-war-das-mit-dem-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alaskagirl.de\/wordpress\/so-war-das-mit-dem-essen\/","title":{"rendered":"So war das mit dem Essen"},"content":{"rendered":"<p>Ich schreibe heute etwas \u00fcber mich, das kaum jemand wei\u00df. F\u00fcr mich ist der Abstand jetzt gro\u00df genug um es zu erz\u00e4hlen. Allerdings m\u00f6chte ich nicht \u00f6ffentlich hier dar\u00fcber disskutieren. Deshalb sind die Kommentare hier geschlossen. Wer mir dazu etwas sagen will, kann das gerne auf einem anderen Wege tun.<br \/>\nEs gab mal eine Zeit, da war ich einer Essst\u00f6rung deutlich n\u00e4her, als einem normalen Essverhalten. Das ist jetzt etwas mehr als zehn Jahre her, in den Ferien nach meinem zweiten Semester ging es los. Ich war damals einsam, obwohl ich fast st\u00e4ndig von Menschen umgeben war. W\u00e4hrend alle sich scheinbar m\u00fchelos im Studentenalltag bewegten, war ich unsicher. Ich hatte zwar Freunde, aber nach einem Jahr Studium war vieles noch sehr oberfl\u00e4chlich und kein Vergleich zu dem, was ich in der Schulzeit an Freundschaft kannte. Ich hatte eine Fernbeziehung und einen besten Freund, der in mich verliebt war. Das hatte ich erst eine Weile ignoriert oder verdr\u00e4ngt. Irgendwann musste ich mich aber damit auseinandersetzen und damit kam dann die Angst, das wackelige Ger\u00fcst, dass mich hielt, zu zerst\u00f6ren. Und so blieben Dinge zu lange ungesagt und ich war einsam, obwohl ich nicht alleine war. Dann war eine Hose eng, und ich hab gemacht, was ich fr\u00fcher schon manchmal gemacht habe: kaum gegessen. Das hei\u00dft ich habe, nach M\u00f6glichkeit, ein bis zwei von drei Mahlzeiten weggelassen. Es war toll, als die ersten Hosen zu gro\u00df wurden. Ich dachte mir geht es besser, obwohl sich nichts ge\u00e4ndert hatte, au\u00dfer mein Essverhalten. Es ist niemandem aufgefallen, weil ich normal gegessen habe, wenn andere dabei waren. Niemand hat sich gewundert, dass ich abnehme, weil ich k\u00f6rperlich gearbeitet habe. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es am Anfang war, aber zu Beginn der Ferien nach dem Wintersemester war ich bei einer Mahlzeit t\u00e4glich angekommen. Abends habe ich gegessen. Die Vorstellung abends nichts zu essen war schwierig, aber es ging auch, wenn ich, um den Anschein eines normalen Essverhaltens zu wahren, gezwungen war mittags mit Kommilitonen zu essen. Wenn ich an den Wochenenden woanders war, habe ich auch normal gegessen, weniger, aber relativ normal. In den Ferien war es meistens einfacher die Regeln einzuhalten, weil ich meinen Tag allein gestalten konnte und nicht mit anderen essen musste. Die Regeln waren einfach. Grunds\u00e4tzlich nur eine Mahlzeit am Tag. Es gab Salat und ein Br\u00f6tchen. Das Br\u00f6tchen habe ich geviertelt, dann waren es ja quasi vier Br\u00f6tchen. Wenn ich gearbeitet habe, musste ich manchmal zwischendurch etwas essen. Da galt dann die Regel, dass ich nur drei verschiedene Sachen essen darf. Br\u00f6tchen und Salat waren schon zwei, also noch ein Joghurt oder einen Apfel. Ich h\u00e4tte auch noch einen Salat, f\u00fcnf Br\u00f6tchen und zehn \u00c4pfel essen &#8222;d\u00fcrfen&#8220;, aber nicht noch eine Banane. Absurd, ich wei\u00df.<br \/>\nIch hab mich nicht gewogen. Ich hatte keine Waage. Ich musste mich also bei Zu- oder Abnahmen auf mein K\u00f6rpergef\u00fchl verlassen. Ich hab mich morgens im Spiegel angeschaut und abends mein Bauchfett betastet, ob es mehr oder weniger geworden ist. Mein damals bester Freund hat mich einmal auf die Waage gezwungen, weil er mir demonstrieren wollte, dass ich ein paar Kilo weniger wiege, als ich vermute. Er hat mir dann auch vorgerechnet, wieviele Kalorien ich im Moment am Tag zu mir nehme. Ich glaube er wollte mir zeigen, dass es zuwenig ist, aber ich war geschockt wie viel es ist. Ich war mir ziemlich sicher, dass es schwer w\u00e4re, die Kalorienmenge weiter zu reduzieren, wenn ich weiterhin den Eindruck erwecken wollte normal zu essen und k\u00f6rperlich arbeiten wollte. Da ging es los, dass ich f\u00fcrs Einkaufen ewig gebraucht habe. Ich habe auf jedem K\u00e4se, jeder Wurst und jedem Joghurt die Kalorienmenge verglichen (ich war froh, dass es fast \u00fcberall aufgedruckt war) und dann das gekauft, was die wenigsten Kalorien hatte, statt dem, was ich am liebsten essen wollte.<br \/>\nIn den Ferien vor dem Sommersemester waren wir \u00f6fters im Wake-Up-Kino, umsonst mit Fr\u00fchst\u00fcck. Als ich dort ein s\u00fc\u00dfes Teilchen und eine Brezel gegessen hatte, sa\u00df ich im Kinosessel und dachte, ich muss kotzen, weil mein Magen so ungewohnt voll war. Bei der Arbeit musste ich manchmal zwischendrin anhalten und etwas essen, weil mir schwindlig geworden war. Man k\u00f6nnte sagen, es waren Warnsignale meines K\u00f6rpers, aber f\u00fcr mich war es der Triumph \u00fcber meinen K\u00f6rper. Es ist schwer zu verstehen, aber ich habe meinen K\u00f6rper und mich nicht als ein Einheit wahrgenommen. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass irgendein b\u00f6ser Zufall mich in einen schrecklichen K\u00f6rper gesteckt hatte. Es war mir egal, was ich meinem K\u00f6rper antat, schlie\u00dflich tat er mir auch nichts gutes. Ich wei\u00df, dass ich mal versucht habe, es meinem besten Freund zu erkl\u00e4ren, aber er hat mich nur verst\u00e4ndnislos angeschaut. Eigentlich war er fast der einzige, der irgendwas zu meinem Essverhalten gesagt hat, aber er war auch der einzige, der es mitbekommen hat. Aber er war nicht der richtige, konnte mich nicht davon abbringen. Mein Vater hat mich mal bei einem Besuch gefragt, ob ich den \u00e4\u00dfe. Ich fand es albern, weil wir zum Essen verabredet waren und ich offensichtlich a\u00df. Ich hab mich aber auch gefragt, woher er wei\u00df, dass ich kaum esse. Schlie\u00dflich war ich vom Untergewicht noch weit entfernt.<br \/>\nDann passierte, was passieren musste. Es gab ein \u00fcberf\u00e4lliges kl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch mit meinem besten Freund \u00fcber seine und meine Gef\u00fchle und daraufhin eine beendete Freundschaft. F\u00fcr ihn war es bestimmt keine sch\u00f6ne Zeit, f\u00fcr mich allerdings auch nicht. Ich war pl\u00f6tzlich allein, hatte das Gef\u00fchl sein Leben geht einfach ohne mich weiter. Und ein paar unserer Freunde hat er gleich mitweggenommen. Es war wie schlussmachen ohne zusammen gewesen zu sein. Es tat weh zu sehen, dass er mit meinen Freunden Dinge unternahm, w\u00e4hrend ich zuhause sa\u00df. Zum einen ging es mir schlecht, aber ich \u00f6ffnete mich neuem, war auf der Suche. Aufgefangen hat mich die Arbeit. Pl\u00f6tzlich lernte ich die Menschen kennen, mit denen ich seit \u00fcber einem Jahr zusammen arbeitete. Ich habe D. kennengelernt und irgendwie hat er mich erreicht. Als er mir mal sagte, dass ein Joghurt und ein Pfirsich zu wenig f\u00fcr einen Tag Arbeit sind, kam es an. Und so kam es, dass ich wieder angefangen habe mehr zu essen. Ich wei\u00df nicht, ob er es wei\u00df, aber irgendwie hat D. mich gerettet. Bis ich wieder essen konnte ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, hat es allerdings noch vier Jahre gedauert und manchmal hinterher habe ich mir gew\u00fcnscht, ich k\u00f6nnte mich wieder so hassen f\u00fcrs Essen.<br \/>\nJetzt wei\u00df ich, dass das alles nicht richtig war. Meine Gef\u00fchle von damals sind mir fremd. Mein K\u00f6rper und ich verstehen uns ganz gut, wir sind wieder eins. Ich esse gerne und will nicht verzichten. Und deshalb musste ich fast lachen, als mein Vater im Herbst meinte, beim Abnehmen m\u00fcsse man aufpassen, dass man nicht in eine Magersucht rutscht. Ich wei\u00df es, weil ich es kenne und doch bin ich davon jetzt meilenweit entfernt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe heute etwas \u00fcber mich, das kaum jemand wei\u00df. F\u00fcr mich ist der Abstand jetzt gro\u00df genug um es zu erz\u00e4hlen. Allerdings m\u00f6chte ich nicht \u00f6ffentlich hier dar\u00fcber disskutieren. Deshalb sind die Kommentare hier geschlossen. Wer mir dazu etwas sagen will, kann das gerne auf einem anderen Wege tun. 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